… bzw. die Realisierung einer sozial gerechten Wirtschaftsordnung ohne staatliche Bevormundung
(ARH) Die radikale Variante des Kapitalismus hat das Wirtschafts- und Sozialsystem der globalisierten Welt fast zum Kollaps geführt und viele Menschen in den Abgrund gerissen. Auf der anderen Seite steht der Kommunismus, der sich nicht behaupten konnte und größtenteils mit einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bankrott der von der Sowjetunion angeführten Staaten endete. Es zeigt sich immer mehr, dass beide Extreme fehlerhaft sind und die Gesellschaft nicht weiterbringen. Gibt es also eine Alternative bzw. einen dritten Weg, über den es sich lohnt, nachzudenken?
Auf Anfrage eines der Referenten an einen der Stammtische der Piratenpartei in Wuppertal hatten die Piraten zu einem Vortragsabend unter dem Motto „Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus“ eingeladen. Ein Thema, das in der augenblicklichen Finanzkrise absolutes Interesse weckt. Und so konnten sich die beiden Referenten Stefan Wehmeier und Bernd von Straelen über mehr als 50 interessierte Bürgerinnen und Bürger freuen.
In den beiden Referaten erklärten die Vortragenden was es mit der heutigen Marktwirtschaft, dem Geldumlauf und den von der Arbeit abgekoppelten, also leistungslos erwirtschafteten Zinsen auf sich hat. Anschließend stellten sie das Freigeldmodell nach Silvio Gesell vor.
Im Kapitalismus würden zwar die großen Geldvermögen kontinuierlich anwachsen, so die Vortragenden, dies gelte allerdings für die Schulden im gleichen Maße. Die von Unternehmen zu zahlenden Zinsen und Zinseszinsen werden in alle Güter eingerechnet und machen heute etwa einen Zinsanteil von 40% pro Gut aus – der von den Konsumenten aufgebracht werden muss. Durch die ständigen Zinsaufschläge, so die Referenten, spitze sich die Situation irgendwann so zu, dass die Konsumenten keine Geldmittel mehr hätten um die immer weiter steigenden Preise zu bezahlen. Konsequenz daraus: Der Konsum geht zurück. Dem Unternehmer ergeht es ähnlich, durch die hohen Zinsen und den ausfallenden Konsum können Kredite nicht mehr bedient werden, wodurch die Bonität sinkt und noch höhere Zinsen die Folge sind. Schließlich brechen Wirtschafts- und Bankensystem zusammen.
Genau an diesem Punkt sind wir mit der aktuellen Finanzkrise aus Sicht der beiden Referenten angekommen, und so präsentierten sie den anwesenden Gästen als Lösungsmodell die Freihandelslehre nach Silvio Gesell (1862-1930).
Dieses würde einen radikalen Wechsel des Wirtschaftssystems, einhergehend mit einer Geld- und Bodenreform, bedeuten. Die Zinsen würden abgeschafft und durch eine vom Staat erhobene Liquiditätsgebühr von vierteljährlich 2% ersetzt, so dass das Geld, geringfügig an Wert verlöre und die Bevölkerung dadurch animiert wäre, das Geld nicht auf Girokonten zu horten, sondern zu investieren. Investiert werden könnte einerseits in den Kauf von Gütern oder andererseits in langfristige Anlagen, um Unternehmern Kredite gewähren zu können. Bei einer solchen Investition entfiele die Liquiditätsgebühr und das Geld des Anlegers behielte seinen Wert.
Zwingender Bestandteil des so entstandenen Freigeldes, so die Vortragenden, sei eine Grund- und Bodenreform, um eine künstliche Verknappung und daraus resultierende Spekulationen zu vermeiden. Wie beim Freigeld mit den Zinsen, soll auch beim Freiland leistungsloses Einkommen behindert werden. Der Boden würde dazu in öffentliches Eigentum überführt – alle Grundstückseigentümer würden also zwangsenteignet. Dies ginge allerdings mit einer Entschädigung zu einem marktüblichen Preis des Grundstücks einher. Der Boden könnte anschließend an die ehemaligen Eigentümer als Erbpacht zurückgegeben werden. Ähnlich wie beim Freigeld mit seiner Liquiditätsgebühr könnte der Staat durch die Pacht zusätzliche Einnahmen generieren und so die Steuern für die Allgemeinheit senken.
Nach den beiden Vorträgen von Bernd von Straelen und Stefan Wehmeier begann im Saal eine sehr kontroverse Diskussion über das Für und Wider dieses Modells, bei der sich vor allem die anwesenden Ökonomen besonders leidenschaftlich einbrachten. Nach fast drei Stunden bleibt als Ergebnis, dass einzelne Bestandteile des Modells sicher interessant sein könnten, aber eine Zwangsenteignung von Grundstückseigentümern mit den Piraten sicher nicht umsetzbar ist.
Da das Thema weder auf dem Vortragsabend noch in diesem Beitrag in allen Facetten dargestellt werden konnte, kann man sich bei Interesse auf der Webseite der Stiftung für Reform der Geld- und Bodenordnung weiterführend informieren:
www.silvio-gesell.de