von Alexander Reintzsch

Ahoi,

gedanklich bin ich noch längst nicht wieder im Bergischen angekommen. Mein Kopf ist immer noch in Stuttgart, beim Bahnhof, im Schlossgarten.

Gemeinsam saßen wir Piraten am Donnerstag an den Stammtischen in Hagen und Wuppertal als immer mehr Meldungen über den brutalen, unverhältnismäßigen Räumungseinsatz der Polizei in Stuttgart über das Netz, vor allem über Twitter eintrafen. Fassungslosigkeit und Entsetzen stand in unser aller Gesichtern. Der Wille ein Zeichen zu setzen, für den Erhalt eines die Grundrechte schützenden Rechtsstaates aufzustehen und sich eine solche Behandlung friedlich demonstrierender Schüler, Alter, Frauen und Männer nicht mehr gefallen zu lassen war groß. Und so beschlossen wir am Wochenende nach Stuttgart zu fahren und vor Ort Präsenz zu zeigen.

Zunächst wollten wir erst am Samstag fahren, aber da die Großdemonstration bereits für Freitag angekündigt war beschlossen wir an dieser bereits teilzunehmen. Gegen Nachmittag verließen wir das Bergische Land und sammelten auf dem Weg den Beisitzer im Bundesvorstand der Piratenpartei Daniel Flachshaar auf und kamen zu viert gegen 21 Uhr in Stuttgart an. Die Polizei hatte das Gebiet weiträumig abgesperrt, doch wir fanden schnell einen Parkplatz fürs Auto, direkt an der Baugrube zu Stuttgart 21. Ein junger Stuttgarter begleitete uns, die wir nun mit Piratenfahnen über den Schultern in Richtung Bahnhof, hin zur Demonstration gingen.

Da diese bereits gegen 19 Uhr angefangen hatte und wir durch zahlreiche Staus nicht rechtzeitig da sein konnten, bekamen wir nur das Ende des Zuges mit. Aber auch dieses war überwältigend. Es waren unzählige Menschen die an uns vorüberzogen, mit Trommeln, Schildern und Transparenten, Junge, Alte, Männer, Frauen, Familien. Es war ein buntes Bild friedlicher, aber entschlossener Menschen, die die Politiker und Polizisten anklagten wegen der am Vortag gelaufenen Eskalation von Seiten der Polizei.

Da die Menschen aus dem Schlossgarten strömten und wir uns einen Überblick über die in der Nacht von Donnerstag auf Freitag gefällten Parkbäume machen, aber auch einen Eindruck über die Stimmung im Park gewinnen wollten gingen wir in den Schlossgarten. Es war bereits nach Einbruch der Nacht und so kamen die überall im Gelände verteilten Dauerbrennerkerzen besonders eindrucksvoll zur Geltung. Die zahlreichen, großen alten Bäume, Platanen und Kastanien waren um ihre mächtigen Stämme mit Spruchbändern, Kinderspielzeug und Stofftieren geschmückt. Musik spielte und man hätte den Eindruck haben können es handle sich um ein Volksfest. Eine Skaband heizte den Leuten ein und vereinzelt tanzten Leute auf dem Rasen.

Trotz der oberflächlichen Fröhlichkeit schwang in jedem Wort und jeder Bewegung der Menschen noch immer allgegenwärtig der Gedanke an die Eskalation am vorherigen Tag mit. Nach nur wenigen Metern im Park kamen wir ins Gespräch mit Leuten, die am Vortag dabei waren und ihr Geschichte schilderten, ein Erlebnis, das sich noch vielfach an diesem Wochenende wiederholen sollte. Die beiden Frauen, mit denen wir zunächst sprachen waren froh, dass wir da waren und überwältigt davon, dass wir von so weit weg kamen. Ja, Stuttgart war spätestens seit den Geschehnissen vom Donnerstag, den 30. September nicht mehr allein. Es ist keine Angelegenheit der Stuttgarter, nein, hier geht es um mehr – es geht um die Grundfesten der Demokratie, das Recht des Bürgers sich mit friedlichen Mitteln Gehör zu verschaffen und auf Missstände aufmerksam zu machen und dafür zu demonstrieren.

Auf dem Streifzug durch den Park, in dem sich wohl immer noch, es war gegen 22:15 Uhr, ca. 15000 oder mehr Menschen aufhielten trafen wir keine Piraten und so beschlossen wir uns den Bahnhof mal näher anzusehen, an dem wir zuvor nur vorbei gelaufen waren.

In der Bahnhofshaupthalle war ein Gedränge wie auf einem Wochenmarkt, nur dass man sich hier nicht an Buden vorbei zwängte sondern an Gruppen sitzender Jugendlicher und Grüppchen bildender Bundespolizei. Die Bundespolizei hatte bereits die Zugänge zu den Gleisen mit Beamten abgeriegelt und kontrollierte für den Zugang zu den Zügen die Fahrausweise der Leute. Diesmal gab es dann wohl keine Schwarzfahrer. ;)

Als wir etwa die Hälfte der Halle durchquert hatten kam aus der anderen Richtung ein junger Mann, ebenfalls wie wir mit der Piratenfahne über dem Rücken bekleidet. Wir gingen auf ihn zu und mit einem “Ahoi” haben wir uns kurz vorgestellt. Er sagte, dass andere Piraten hier unterwegs seien und im Demonstrationszug etwa sechs Gruppen mitgelaufen waren. Nach einer kurzen Weile kamen mehr Piraten und da wir Hunger von der langen Fahrt hatten beschlossen wir das im Bahnhof befindliche Schnellrestaurant aufzusuchen.

Während sich die Meisten noch Stärkung holten, sah ich vom Nordeingang an einer bestimmt vier Meter hohen Stange eine Piratenfahne hereinwehen. Begeistert ging ich auf die kleine Gruppe von etwa 6-7 Piraten zu und stellte mich vor. Der Fahnenträger, so stellte sich nun heraus war Simon Engelhaupt, Direktkandidat für Stuttgart und eine Legende der Piraten in Bezug auf Stuttgart 21. Er wurde von der Polizei während der Räumung des Robin-Wood-Baumhauses verhaftet. Ebenfalls war der stellvertretende Bezirksvorsitzende Sören-Frederic M. Fischer dabei und das überraschte mich am meisten, ein junger Mann aus Wuppertal, der schon einige Male bei uns am Stammtisch war.

Piraten im Schlossgarten Stuttgart am 1. Oktober 2010Zusammen machten wir uns auf den Weg wieder in Richtung Schlossgarten, Simon mit der Fahne hoch über den Köpfen vorne weg. Als wir nun gerade im Begriff waren den Bahnhof zu verlassen stießen wir auf Jörg Tauss, der sich uns ebenfalls anschloss und uns in den Park begleitete.

Wieder und wieder kamen Leute auf uns zu und waren begeistert, dass die Piraten hier vor Ort waren und andere die wissen wollten wer wir sind und so kamen wir mehr als ein Mal dazu die Mär von der Internetpartei zu widerlegen und klar zu machen, dass wir eine Partei der Bürgerrechte sind, die sich unter anderem _auch_ für Netzpolitik einsetzt.

Es kam eine etwa 50 jährige Frau auf uns zu die schon von uns gehört hatte und wissen wollte, warum wir uns denn hier engagieren. Ich erklärte ihr, dass wir gekommen seien, weil wir diese Unterdrückung der Bürgerrechte durch die Polizei und den massiv überzogenen Einsatz am Vortag verurteilen und dafür kämpfen das die Bürger hier ihre Rechte durchsetzen können. Sie berichtete daraufhin von ihrer 18 jährigen Tochter die, ebenso wie sie selbst am Donnerstagnachmittag beim Polizeieinsatz im Schlossgarten war. Sie stand auf der Wiese etwa 50-60 Meter vom Geschehen entfernt und wurde ebenfalls von Wasserwerfern beschossen. Das die Wasserwerfer auf diese Distanz geschossen haben sah man auch noch deutlich daran, dass die Wiese unmittelbar vor dem von der Polizei geräumten und anschließend gerodeten Fläche eine etwa 10 cm tiefe Schlammwüste war, wo hingegen der Rest des Parks trocken war.

Sie berichtete wie eine alte Frau, die schon über 70 war, taumelnd zu ihr rüber gekommen gekommen sei, völlig durchnässt und nur noch mit dem Gerippe eines Regenschirms in der Hand. Sie erzählte wie die Luft vom eingesetzten Reizgas in den Lungen kratzte und wie die Leute um sie herum ohnmächtig und verzweifelt die Gewalt der Polizei verfolgten. Sie selber sei noch nie zuvor auf einer Demonstration gewesen und hätte einen solchen massiven Einsatz der Polizei gegen friedliche Menschen nicht für möglich gehalten.

Demonstrant mit Schild "Wie viele Menschen ist der Bahnhof wert?"Immer wieder hörte man wie die Demonstranten den auf der anderen Seite der Hamburger Gitter stehenden Polizisten entgegenriefen: “Kinderschläger” oder “Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsre Kinder haut.” In fast jedem Gespräch kamen die Bilder des älteren Mannes auf, der sein Augenlicht durch den Einsatz der Wasserwerfer verloren hat.

Da wir relativ spontan und spät erst nach Stuttgart gekommen waren, hatten wir noch keine Übernachtungsmöglichkeit, doch was wären die Piraten, wenn sie da nicht solidarisch etwas anbieten könnten. Lukas Spieß, Pirat und Ersatzkandidat des Wahlkreises Ludwigsburg bot uns an im Hackerspace SHACK zu übernachten und so hatten wir fünf Piraten aus NRW nun ein Obdach für die Nacht.

Am Samstag, den 2. Oktober fuhren wir dann wieder in die Stadt und gingen nach einer kurzen Stärkung durch die Köngistraße, die Haupteinkaufstraße von Stuttgart. Es war ein wenig surreal, die Menschen zu sehen, wie sie vollkommen unbekümmert ihren Geschäften nachgingen als hätte sich seit Donnerstag nichts geändert. Es wirkte alles so normal und man bekam den Eindruck, dass hier eine gänzlich andere Welt, eine gänzlich andere Uhr existierte.

Die Stuttgarter Piraten, die sich momentan im Wahlkampf befinden, denn am 27. März 2011 sind in Baden-Württemberg Landtagswahlen, hatten wie jeden Samstag gegen 15 Uhr ihren Infostand aufgebaut und wir hatten nun vor sie als erfahrene Wahlkämpfer zu unterstützen. Der Schirm des Infostandes leuchtete schon von weitem und die drei Piraten waren erfreut uns zu sehen. Unter ihnen war auch wieder Simon, der klagte welche Hürden die Stadt den kleinen Parteien hier in den Weg stellt. So darf kein Passant angesprochen werden und Aufsteller und ähnliches nicht eingesetzt werden. Auf diese Weise lässt sich nun kein Blumentopf gewinnen und mit fünf Piraten mehr am Stand würden wir wahrscheinlich auch nicht mehr erreichen und so überließen wir ihnen die Flyer für die Petition §108e StGB, die wir mitgebracht hatten und setzten uns in Richtung Schlossgarten ab.

Im Schlossgarten angekommen kamen wir direkt am Anfang wieder in Gespräche mit Bürgern und gleich das erste Gespräch zeigte maßgeblich, wer hier demonstrierte. Denn der Kreis derer, die sich mit einem Beamten der Deeskalationskräfte unterhielt bestand aus einem Herrn mittleren Alters im grauen Anzug, einem Ökoaktivisten mit Rasters auf einem Fahrrad und einer bürgerlichen Rentnerin. Schnell wurden wir in das Gespräch eingebunden und bereits nach wenigen Minuten sammelte sich eine Gruppe von ungefähr dreißig Personen um uns. Ein junger Mann, wahrscheinlich ein Student und Parkschützer gesellte sich zu uns und wir diskutierten eine ganze Weile was es denn für Problem bei der Umsetzung von Stuttgart 21 geben könne und wie der Werdegang des Projektes war. Nach einer Weile beschlossen wir weiter zu gehen und drehten uns zurückschauend kurz um und es war ein fantastisches Bild – da standen nun mittlerweile ca. 40 Leute die in drei Gruppen angeregt diskutierten und Informationen austauschten und über ihre Eindrücke berichteten.

Da es so einfach war die Leute in Gespräche zu verwickeln, denn die Leute hatten den unausgesprochenen Willen über das was hier geschehen ist und was hier geschehen wird zu reden um ihrer Ohnmacht Ausdruck zu verleihen beschlossen wir nun entlang des Hamburger Gitters in kurzen Abständen mit den Leuten zu reden und Gespräche zu beginnen.

Zahlreiche Gespräche folgten und immer wieder konnten wir unsere Positionen zur Kennzeichnungspflicht von Polizisten, Transparenz und Bürgerbeteiligung vorbringen und stießen damit auf offene Ohren. Immer wieder bot sich uns das gleiche Bild wenn wir weiter gingen, die Leute sprachen miteinander und entlang des Absperrzaunes lebte die Demokratie auf und die Leute wurden politisch.Situation im Schlossgarten am Samstag Nachmittag 2.10.2010

Auch für unsere Petition gegen Abgeordneten Bestechung konnten wir Unterstützerunterschriften sammeln. Es war ein berauschendes Gefühl so viele offene Ohren zu finden und auch die Leute zum Reden zu bewegen.

Im Hintergrund, das heißt auf der von der Polizei besetzen Seite des Parks, wo die Rodung war liefen derweil die Arbeiten an dem Absperrzaun. Die Pfosten wurden in dem frisch planierten Grund einbetoniert und einige wenige Polizisten standen zwischen den Arbeiten und den 20 Meter entfernten Absperrungen. Jeweils paarweise Mann und Frau. Etwa jede halbe Stunde wurden die Beamten ausgewechselt, vereinzelt kam es zu Gesprächen mit den “Zaungästen”.

Bauarbeiten am frühen Samstag Nachmittag im Schlossgarten

Nach einer kurzen Stärkung im Biergarten schlenderten wir wieder durch den Park und hörten plötzlich wie von den Demonstranten die an den Hamburger Gittern standen Pfiffe kamen und skandiert wurde “Haut ab” und “Kinderschläger”. Da dies immer lauter wurde und sich zusehend der Park in Richtung Hamburger Gitter in Bewegung setzte schlossen wir uns an.

Polizei marschiert auf, Samstag 2.10.2010Was wir sahen war nichts anderes als eine Provokation von Seiten der Polizei. Von allen Seiten rückten in militärisch anmutender Ordnung Gruppen von je 30 Beamten in grüner Uniform und Barett auf dem Kopf an. Es waren durchweg sehr junge Beamte, wahrscheinlich noch in der Ausbildung und bestanden zu ungefähr gleichen Teilen aus Männern und Frauen. Schnell bezogen sie Stellung etwa 8 bis 10 Meter von der Absperrung entfernt mit einem Schulterabstand von etwa ein bis zwei Armlängen. Dabei wurden sie von ihren Truppführen ausgerichtet und erhielten Anweisungen. Etwa jeder zweite Beamte hatte Pfefferspray und fast alle trugen sie schwarze Handschuhe, sowie Kabelbinder.

Die Menschen, die dies von der Absperrung aus sahen begleiteten den Aufmarsch mit Pfiffen und skandierten “Wir sind friedlich. Was seid ihr?” Nichts geschah, aber man hatte das Gefühl der Ruhe vor dem Sturm, man erwartete jeden Moment, dass etwas passiert. Im Hintergrund rückten Einheiten auf,Polizeiaufmarsch "Die Ruhe vor dem Sturm" die mit Kampfausrüstung bewehrt waren. Gut sichtbar für jeden postierten sich diese Einsatzbeamten in ihrer grünen Uniform, den Helm auf dem Kopf und den Schlagstöcken und Schilden in den Händen. Die Taktik der Polizei war offensichtlich, einschüchtern und provozieren. Die jungen Kadetten sollten die Bauernopfer in diesem unsäglichen Schachspiel sein.

Die Kadetten standen nun vor uns, schauten uns an und sahen sich einer wütenden ungläubigen Menge gegenüber, die lauthals ihren Unmut über diese Eskalation kundtat. Lachen und Grinsen kam von den Beamten, die sich offensichtlich auch nicht ganz sicher waren, was jetzt auf sie zukommen würde. Noch war die Schlachtreihe außer Reichweite und dessen waren sie sich auch bewusst. Es war eine äußerst brisant aufgeladene Situation, die Luft knisterte vor Spannung.

Etwa zehn Meter rechts von uns war eine junge Aktivistin mit Megafon, die die Beamten ansprach und sie aufforderte keine Gewalt anzuwenden. Dann verteilte sie Handzettel auf denen passend zu Beethovens Ode an die Freude der Schillertext zur 9. Symphonie umgetextet war. Es ist immer ein erhebendes Gefühl wenn Menschen gemeinsam singen, aber dieses Lied, Hymne Europas ist schon etwas ganz besonderes. Ein Chor aus Hunderten von Stimmen erschwoll sich durch den Schlossgarten. Vier lange Strophen lang. Und als der letzte Ton verklungen war und die Leute sich selbst nun Applaus spendeten rückte die Polizei mit zwei Lautsprecherwagen an.

Der Polizist, wahrscheinlich ein Einsatzleiter begrüßte die Leute vom Fahrersitz aus mit den Worten. “Hier spricht die Polizei, bitte tragen sie dafür Sorge, dass die Situation nicht weiter eskaliert.” Es war friedlich, ganz betont friedlich, kein Demonstrant hat die Absperrung überklettert, kein Stein ist geflogen – nein, die Leute haben gesungen. Es war einfach unerhört von Seiten der Polizei ohne Grund aufzumarschieren und dann zu fordern, es nicht _weiter_ eskalieren zu lassen und dies im vollen Bewusstsein, dass rein gar nichts auch nur im Ansatz einer Eskalation hätte gleichen können. Es war die perfide Strategie einer Staatsgewalt, die außer Kontrolle geraten ist, die von ihrer eigen Macht besoffen ist und die Angst vorm eigenen Volk hat, jegliche sachliche Diskussion abblocken will in dem man der Gegenseite Gewalttätigkeit vorwirft. Doch diese Rechnung ging so schnell nicht auf.

Der Gesang war vorbei und die Stimmung wurde wieder geladener auf Seiten der Demonstranten, vereinzelt mussten einige von den Demonstranten beruhigt werden, die den Köder der Provokation von Seiten der Polizei geschluckt hatten. Aber auch dies ändert nichts an der Tatsache, dass es durchweg friedlich war.
Ich stimmte “Die Gedanken sind frei” an und links und rechts stiegen Jung und Alt mit ein, doch da leider nicht jeder bei diesem Urlied der Freiheit textsicher war brauchten wir ein anderes – Die Nationalhymne.

Jetzt war der Zeitpunkt für die Gänsehaut. Denn als wir diese anstimmten, ging es wie ein stimmgewaltiges Lauffeuer entlang des Zaunes. Jeder sang mit Inbrunst und voller Leidenschaft für die Botschaft des Textes. “Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland.” Der Refrain war noch nicht verklungen, da sah man die Einsatzleiter die jungen Beamten instruieren und wenige Sekunden später rückten sie vor. Jeder von uns dachte, jetzt knallt’s. Die Beamten rückten vor bis auf etwa 1 bis 2 Meter Entfernung. Der Blick abwesend und nichtssagend, keine Reaktion auf die Menschen, die ihnen voll Unbehagen und Zorn gegenüber standen.

Schnell suchten wir das Gespräch mit dem jungen Polizisten, der wenn überhaupt gerade mal 20 Jahre alt war und seiner nicht älteren Kollegin, die beide direkt vor uns standen. Wir redeten ihnen ins Gewissen und man merkte wie der Schutzschirm, den sie mental aufgebaut hatten bröckelte. Der junge Beamte stand so, dass ein Eichenblatt von einem Ast des Baumes ihm direkt vorm rechten Auge hing und ich fragte ihn, ob ihn dies nicht störe und ob er denn nicht einen kleinen Schritt beiseite treten wolle. Er lächelte und ging einen Schritt hinüber und ab da fing er an zu antworten. Dieser junge Mann würde heute keinen mehr schlagen dachte ich, andere hatten aber noch immer den Eindruck, dass die brennende Lunte die Stange Dynamit noch erreichen würde.

Viel redeten wir auf die Beamten ein, erklärten ihnen, dass sie missbraucht werden von Leuten, die sich weigern zu sprechen, dass sie beleidigt werden, weil sie mangels Kennzeichnung nicht von ihren prügelnden Kollegen zu unterscheiden seien, dass auch sie sich im März bei der Wahl entscheiden müssten, ob sie sich so weiter durch die Politik missbrauchen lassen wollten.

Nach etwa 20 Minuten merkte das Kommando der Polizei, dass die Taktik fehlgeschlagen war, dass die Demonstranten sich nicht einschüchtern ließen, dass diese gerade dabei waren die Moral der Truppe zu untergraben und auch die erhoffte Gewalt von Seiten der Demonstranten ausblieb. Daraufhin zogen sich die Polizisten wieder auf die ursprüngliche Entfernung zurück und einige von uns kamen wieder wie zuvor ins Gespräch mit den Leuten am Gitter.

Bei einer Stärkung im Biergarten kamen wir ins Gespräch mit zwei pensionierten Damen die am Donnerstag vor Ort waren. Sie berichteten wie berittene Polizei die Demonstranten, viele von ihnen waren Schüler und ältere Menschen, mit dem Gewicht der Pferde in die Absperrungen oder gegen die Bäume drückten, so dass sie sich Quetschungen holten.

Sie erzählten von der Sitzblockade an der sie sich beteiligten und vom Weggetragenwerden. Das für jeden der weggetragen wurde, bei der Räumung des Parkwegs, einer sich hinten wieder dransetzte und dass die Polizei nachdem sie etwa hundert Demonstranten geräumt hatte mit Wasserwerfern vorrückte und nun wahllos in die Menge hielt. Sie berichteten von Wasserwerfern, die auch drei in der Menge stehende Streifenpolizisten umhauten.

Mit Planen und Schirmen haben sie das Wasser von sich abgehalten und dann haben die Polizisten die Leute geschlagen und unter die Planen Reizmittel versprüht, so dass einige der Blockierer sich zurückziehen mussten, doch andere nahmen sofort ihren Platz ein. Sie berichteten von Schlägen und Tritten die die Polizei wahllos gegen jeden austeilten, egal ob nun eine leichte Gegenwehr da war oder ob man unbeteiligt zu nah am Geschehen stand.

Sie erzählten von dem Polizeitruck, auf dem die Hamburger Gitter waren und der zwischenzeitlich von Jugendlichen besetzt worden war, von der Gewalt mit der die jungen Menschen heruntergezerrt wurden, von den Schlägen ins Gesicht und den Würgegriffen am Hals. Sie berichteten wie sie Demonstranten am Boden liegen sahen, die sich vor Schmerzen gekrümmt haben, Leute mit Tränen in den Augen und Blut im Gesicht.

Währendessen traf nun Matthias Stoll, Beisitzer im Landesverband Niedersachsen mit seinem Wahlkampfmobil ein. Da die Stuttgarter Piraten sich nach dem Infostand nicht mehr im Park einfanden riefen wir sie telefonisch an und baten sie schnellst möglich zu uns zu stoßen um die Gelegenheit zu nutzen und einige Worte an die Demonstranten zu richten. Gegen 23 Uhr war alles aufgebaut und Reinhard Mey erklang durch die Boxen des Mobils mit seinem Lied “Sei wachsam“. Neugierige tummelten sich um das beflaggte Mobil und begrüßten uns freudig.

Piratenmobil im Schlossgarten, Stuttgart am 2.10.2010Als dann Simon Engelbert eintraf hielt er eine Rede und fand zahlreiche Zuhörer, die stehenblieben und ihm Gehör schenkten. Er verlas die Resolution der Piraten zu Stuttgart 21. Applaus und Zustimmung zeigten, dass er genau den Ton der Stuttgarter traf. Dann richtete auch Matthias Stoll einige Worte an die Stuttgarter und gab dann das Mikro weiter an jeden, der einige Worte an die Leute richten wollte. Ein junger Mann sendete Grüße von Leonard Cohen, der am Abend ein Konzert in der Stadt gegeben hatte.

Währenddessen kam ich ins Gespräch mit einer jungen Ordnerin, die uns schon freudig im Park begrüßt hatte und nun gespannt neben dem Mobil bei uns wartete. Sie gehört zu den Parkschützern die seit Wochen die Bäume im Park vor den Rodungen bewahren. Die junge Studentin erzählte, dass sie bereits seit drei Wochen hier im Park aktiv ist und bei den Bäumen übernachtet hatte, wobei sie massiven Repressionen durch die Polizei ausgesetzt war. Auch am Donnerstag war sie vor Ort und geriet in eine Auseinandersetzung mit den Polizisten des SEK. Sie schilderte, dass ein Beamter ihr mit den Fingern die Augen eingedrückt hatte und anschließend aus kürzester Entfernung Pfefferspray in die Augen sprühte. Als sie dann ihre Hände schützend vor das Gesicht hielt hat der Beamte ihre Finger eingesprüht, so dass sie sich die brennende Flüssigkeit nicht aus dem Gesicht wischen konnte. Sie versuchte den Beamten von sich fortzudrücken um sich selbst zu schützen und bekam daraufhin einen Schlag auf den Kopf, so dass sie nun eine große Beule hatte. Danach verlässt sie ihre Erinnerung, aber sie klagt auch über große Schmerzen am Rücken, über den sich großflächig ein riesiger blauer Fleck erstreckt. Zudem haben die Beamten ihr auf die Hand getreten, so dass ihr Daumen vermutlich einen Sehnenriss erlitt.

Kurze Zeit später fand ich sie im Gespräch mit einem Einsatzleiter der Polizei, der mit zwei Kollegen auf dem Weg durch den Park war. Ihre Leidenschaft zeigte sie in diesem Dialog mit dem Beamten erneut, während zahlreiche Leute die beiden umringten. Sie schilderte ihm ihre Erlebnisse und fragte wie so etwas zu verantworten sei. Der Einsatzleiter, ein breitschultriger Mann Mitte vierzig, bekleidet mit der üblichen schwarzen Weste hielt ihr entgegen, dass dies Sondereinsatzkräfte gewesen seien, die speziell geschult wären in “nonverbaler Konfliktlösung”. Bei einem solchen Euphemismus platzte mir der Kragen. Wie kann er Schläge, Tritte, Wasserwerfer und andere erniedrigende Aktionen gegen friedliche Demonstranten nur so nennen? Er hatte keine Antwort darauf, denn wahrscheinlich hatte er nie darüber nachgedacht, denn sogleich drehte er um und suchte im Laufschritt das Heil bei seinen Kollegen die abseits auf ihn warteten.

Auch ich kletterte noch ein Mal auf das Wahlkampfmobil und hielt eine Rede an die Leute, ich schätze es waren zwischen 60 und 80 Leute die sich mir zuwanden. Ich schilderte die Forderungen der Piratenpartei in Bezug auf Kennzeichnung von Polizisten, so dass der Generalverdacht gegen die Beamten endlich der Geschichte angehören kann und die Beamten, die sich im Amt schuldig machen schnell und direkt einem Ermittlungsverfahren zugeführt werden können. Ich erzählte den Leuten von der Petition zum §108e StGB und warum wir diese machen. Es war die letzte unserer Reden an diesem Abend und nachdem wir noch eine Weile Musik spielten und mit verschiedenen Leuten diskutiert hatten bauten wir ab, denn am nächsten Tag mussten wir wieder in die Heimat fahren. Physisch angekommen sind wir inzwischen, aber unsere Gedanken sind noch immer in Stuttgart, am Bahnhof, im Schlossgarten.